Ein Schuss Realität

Gestern hab ich mir ein wenig Zeit freigeschaufelt und mich endlich mal wieder mit einer meiner längsten/ältesten (wie nennt mans denn nu am Besten?) Freundinnen getroffen. Wir kennen uns schon seit dem Kindergarten und haben uns nie aus den Augen verloren. Zwar hat die Qualität und Quantität unserer Freundschaft sich im Laufe der Jahre immer wieder verändert und gewandelt, aber wir sind uns immer Nahe gewesen und konnten und können über vieles, vielleicht sogar alles, miteinander sprechen. Man kennt den anderen schon so lange, dass man einen Gesamtüberblick, die jeder frischen Freundschaft völlig abgeht. Und noch dazu verbindet uns etwas. Beide plagen wir uns seit Kindsbeinen an mit unserem Gewicht herum. So was schweißt zusammen. Was haben wir nicht schon alles probiert, uns ausgetauscht, diskutiert, geweint, gewütet. Und wie das so ist, bei Themen, die das Leben so überschatten, rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, sie sind immer ein Gesprächsthema, zu dem man zurückfindet, irgendwann. Nachdem die Bestandsaufnahme gemacht, Freunde, Familie, Tiere, Uni, Leben und Co abgehandelt sind, geht’s ans Eingemachte. Wie geht es dir? Wie läufts mit dem Essen, dem Sport, wie reagieren die Kollegen/Kommilitonen/Freunde? So blöd das klingt und so sehr das nach sich-im-Selbstmitleid-wälzen anhört, so wenig hat das damit zu tun. Und immer wieder der Versuch, die Ursache zu finden, die Wurzel allen Übels. Auch wenn man weiß, dass sie einem nichts bringen würde, hielte man sie plötzlich in der Hand. Und trotzdem, immer wieder Ursachenforschung. Der Versuch, den Grund zu finden, warum es einfach nicht klappen will. Das Schön-sein, das Diszipliniert-sein, das Erfolgreich-sein, das wie-alle-anderen-sein. Warum es so schwer ist, sich anzupassen und endlich dem Ganzen ein Ende zu machen. Es ist ja nicht so, als wüssten wir nicht, wie es geht. Und dann immer diese Traurigkeit, und die Wut. Vor allem die Wut. Die, die immer vor sich hingärt, in der Magengegend. Und der Wunsch, mal in der Masse verschwinden zu können. Mal nicht aufzufallen, Angriffsfläche zu sein. Einmal unbeschwert tanzen gehen können. Ich tanze so schrecklich gern. Aber um den Mut aufbringen zu können, brauche ich ein paar Promille. Einmal im Cafe sitzen, ohne sich zu fühlen wie ein Mitglied des Monsterkabinetts auf Freigang. Einmal flirten können, ohne Angst zu haben, dass man sich danach über einen lächerlich macht. Einmal über die Straße gehen können, ohne beleidigt zu werden. Es kann dir doch egal sein, was „die Anderen“ denken, bekomme ich dauernd zu hören. Möglich, dass es mir egal sein könnte. Wenn „die Anderen“ nicht immer meinen würden, dass sie mir ihre Meinung über mich ins Gesicht spuken und vor die Füße kotzen müssen. Soll jeder denken, was er will. Aber es wäre schön, nicht überall und immer vor die Nase gesetzt zu bekommen, dass man keine Daseinsberechtigung hat, wenn man ist, wie ich. Nur eins weiß ich. Ich spiele dieses Spiel nicht mehr mit. Nur weil ich für viele Aussehe wie ein Opfer, lasse ich mich nicht mehr zu einem machen.

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